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Rudolf Uhlenhaut, der Vater des Mercedes-Benz SL, und sein berühmter Dienstwagen, das „Uhlenhaut-Coupé“.

Rudolf Uhlenhaut, der Entwickler.

Der brilliante Ingenieur ist der Vater des SL und
weiterer legendärer Fahrzeuge von Mercedes-Benz.

Rudolf Uhlenhaut bei Testfahrten mit dem Mercedes-Benz W 154. Der technische Leiter der Rennabteilung Rudolf Uhlenhaut (zweiter von links) und der technische Direktor Max Sailer (dritter von links) am Rennwagen.

Rudolf Uhlenhaut bei Testfahrten mit dem Mercedes-Benz W 154. Der technische Leiter der Rennabteilung Rudolf Uhlenhaut (zweiter von links) und der technische Direktor Max Sailer (dritter von links) am Rennwagen.

Der fahrende Ingenieur.

Als im Jubiläumsjahr 2012 ein 60 Jahre alter 300 SL, der älteste noch existierende SL (Super Leicht) überhaupt, aufwändig restauriert wird, weht der Geist Rudolf Uhlenhauts durch das Mercedes-Benz Classic-Center in Fellbach. Schließlich war der geniale Ingenieur verantwortlich für die Entwicklung des legendären Flügeltürers, der zunächst zahlreiche Rennsiege einfuhr und später eine rasante Erfolgsgeschichte als Sportwagen auf der Straße hinlegte. Uhlenhaut gilt nicht nur als Vater des SL, sondern auch der Silberpfeile. Die Erfolgsserien der Mercedes-Rennwagen der 1930er und 1950er Jahre sind eng mit dem Namen des Deutsch-Engländers verbunden.

Sein Erfolgsrezept: Uhlenhaut entwickelt seine brillianten Ideen nicht am Reißbrett, sondern aus der Praxis heraus. Der passionierte Autofahrer ist zu Hause in allem, was Räder hat. Schnell gilt er als „der fahrende Ingenieur“.

Auf Augenhöhe: Rudolf Uhlenhaut bei der Mille Miglia 1955 mit den Siegern Denis Jenkinson und Stirling Moss (rechts).

Auf Augenhöhe: Rudolf Uhlenhaut bei der Mille Miglia 1955 mit den Siegern Denis Jenkinson und Stirling Moss (rechts).

Ein Glücksfall für das Unternehmen.

Rudolf Uhlenhauts Fahrkünste belegt eine Anekdote aus dem Jahr 1955: Nach Probefahrten am Nürburgring meint der große Juan Manuel Fangio, das Fahrzeug sei noch nicht optimal vorbereitet. Uhlenhaut erhebt sich – nach einem opulenten Mittagessen in Anzug und Krawatte – setzt sich in den Wagen und umrundet den Ring. Drei Sekunden schneller als der Weltmeister. Zurück bei Fangio empfiehlt Uhlenhaut, dieser solle doch noch ein wenig üben. Dies meint er keineswegs herablassend, vielmehr zeichnen den Mann eine bescheidene und geduldige Art sowie ein feiner Humor aus. Uhlenhauts menschliche und fachliche Qualitäten lassen ihn zum Glücksfall für Mercedes-Benz werden. Ein Glücksfall, der 1936 zur rechten Zeit am rechten Ort ist, um in unglaublich kurzer Zeit die Katastrophengeschichte der vergangenen Rennsaison für Mercedes-Benz in eine Erfolgsstory umzukehren.

Erfolgsgaranten (von links nach rechts): Rudolf Uhlenhaut, Manfred von Brauchitsch, Rudolf Caracciola, Richard „Dick“ Seaman, Direktor Max Sailer und Rennleiter Alfred Neubauer.

Erfolgsgaranten (von links nach rechts): Rudolf Uhlenhaut, Manfred von Brauchitsch, Rudolf Caracciola, Richard „Dick“ Seaman, Direktor Max Sailer und Rennleiter Alfred Neubauer.

In London geboren.

Das Tor zur angelsächsischen Welt des Motorsports öffnen Rudolf Uhlenhaut seine Herkunft und sein perfektes Englisch: Er wird am 15. Juli 1906 als Sohn einer Engländerin und eines Deutschen in London geboren, wo der Vater die Filiale der Deutschen Bank leitet und Rudolf bis zu seinem achten Lebensjahr lebt und die High School besucht.

Von dort zieht die Familie zunächst nach Brüssel, später nach Bremen. Als junger Mann geht Uhlenhaut seiner Liebe zum Skifahren wegen nach München, um dort Maschinenbau zu studieren. 1931 kommt er als junger Ingenieur zu Daimler-Benz nach Stuttgart und beginnt seine Karriere unter Fritz Nallinger in der Versuchsabteilung.

Rudolf Uhlenhaut (rechts) im Gespräch mit Richard Seaman, der im W 125 beim Vanderbilt-Cup in Long Island am 5. Juli 1937 den zweiten Platz belegt.

Rudolf Uhlenhaut (rechts) im Gespräch mit Richard Seaman, der im W 125 beim Vanderbilt-Cup in Long Island am 5. Juli 1937 den zweiten Platz belegt.

Die Rückkehr der Silberpfeile.

1936 wird Rudolf Uhlenhaut in die Rennwagenabteilung berufen, übernimmt deren Leitung – und bringt die Entwicklung entscheidend voran. Seine Mission ist es, die Boliden mit dem Stern wieder zurück in die Erfolgsspur zu bringen. Tausende Kilometer sitzt der Diplomingenieur selbst am Steuer, um ein Gespür für die Mängel der Rennwagen zu entwickeln. Dabei kommt ihm zugute, dass er neben den erwähnten Fahrkünsten die Fähigkeit zur treffenden technischen Fehleranalyse besitzt und sofort zielführende Abhilfemaßnahmen entwickelt. Eine in dieser Zusammensetzung einzigartige Verdichtung von Begabungen. So wirkt Uhlenhaut maßgeblich daran mit, den Silberpfeil W 25 wieder konkurrenzfähig zu machen. Dessen Nachfolger, der W 125, schließlich wird nach ausgiebiger Überarbeitung das überlegene Fahrzeug der Grand-Prix-Saison 1937 und Fahrer Rudolf Caracciola Europameister. Mission erfüllt – zunächst.

Rudolf Uhlenhaut am Steuer des W 154 bei den ersten Probefahrten in Monza 1938.

Rudolf Uhlenhaut am Steuer des W 154 bei den ersten Probefahrten in Monza 1938.

Zweite Chance.

Der Nachfolger des Silberpfeils W 125, der mit einem 12-Zylinder-Motor ausgestattete W 154, dominiert die Rennsaisons 1938 und 1939. Dann bricht der Krieg aus und beendet das Motorsport-Engagement des Automobilherstellers jäh. Es dauert bis Anfang der 1950er Jahre, ehe Mercedes-Benz wieder einen konkurrenzfähigen Grand-Prix-Rennwagen baut.

Rudolf Uhlenhaut, im Jahr 1949 zum Leiter der Abteilung Pkw-Versuch ernannt, bekommt seine zweite Chance: Am 15. Juni 1951 fasst der damalige Vorstand den Entschluss, wieder auf die Rennpisten zurückzukehren – jedoch erst 1954, da die Formel 1 eine Reglement-Änderung zu dieser Saison erwartet. Viel Zeit zum Tüfteln also für Uhlenhaut und seine Mannschaft.

Rudolf Uhlenhaut mit dem Gitterrohrrahmen des 300 SL.

Rudolf Uhlenhaut mit dem Gitterrohrrahmen des 300 SL.

Der SL wird geboren.

Der Entwicklungsingenieur, der sich nach Kriegsende rasch wieder mit Sportfahrzeugen befasst hat, wird von Colonel Michael McEvoy von den Royal Electrical and Mechanical Engineers, einer Abteilung der britischen Armee, engagiert. Er soll für den Offizier, den er noch aus der Vorkriegszeit kennt, einen kleinen Rennwagen bauen. Uhlenhaut plant mit einem Rahmen aus geschlossenen Rohrdreiecken, deren einzelne Segmente nur auf Druck oder Zug beansprucht werden. Diese Konstruktion ist neuartig und garantiert Leichtigkeit bei gleichzeitiger Stabilität sowie ein hohes Maß an Biege- und Drehfestigkeit. Uhlenhaut übernimmt die Idee des Gitterrohrrahmens für einen neuen Rennsportwagen auf Basis der repräsentativen Limousine Mercedes-Benz 300 (W 186, „Adenauer-Mercedes“): Der legendäre 300 SL (W 194) ist geboren, zunächst als reiner Rennsportwagen.

Das Kürzel SL steht für Super Leicht. Das Gewicht ist der Uhlenhaut`schen Konstruktionsweise geschuldet, ebenso die Flügeltüren.

Stolzer „Vater“: Rudolf Uhlenhaut mit einem 300 SL 1953 auf dem Stuttgarter Rotenberg.

Stolzer „Vater“: Rudolf Uhlenhaut mit einem 300 SL 1953 auf dem Stuttgarter Rotenberg.

Ein Sieg nach dem anderen.

Der Erfolg gibt Rudolf Uhlenhaut recht: Fünf Rennen – vier überlegene Siege! „Die Rennen des Jahres 1952 haben gezeigt, dass der Typ 300 SL mit Saugmotor in der Endgeschwindigkeit auch den stärksten Gegnern zum Mindesten gewachsen, wenn nicht sogar überlegen war“, bilanziert er nicht ohne Stolz. In Untertürkheim denkt trotz zahlreicher Triumphe jedoch noch niemand an einen Einsatz des neuen Wagens im Straßenverkehr. Erst auf Drängen des amerikanischen Generalimporteurs Maximilian Hoffman schließlich kann der Vorstand überzeugt werden: Bei der International Motor Sports Show in New York im Februar 1954 begeistert der Seriensportwagen 300 SL (W 198) die Fachwelt. Der Rest ist Automobilgeschichte – die mit der Wahl des 300 SL zum „Sportwagen des Jahrhunderts“ 1999 noch lange nicht zu Ende geschrieben ist...

Rudolf Uhlenhauts Dienstwagen: der  Mercedes-Benz 300 SLR Coupé, genannt „Uhlenhaut-Coupé“ aus dem Jahre 1955.

Rudolf Uhlenhauts Dienstwagen: der Mercedes-Benz 300 SLR Coupé, genannt „Uhlenhaut-Coupé“ aus dem Jahre 1955.

Ein ganz besonderer Dienstwagen.

Als Mercedes-Benz 1955 schließlich aus dem Grand-Prix-Rennsport aussteigt, kümmert sich Rudolf Uhlenhaut als Entwicklungschef für Personenwagen ausschließlich um Serienautos und ist an den Fahrwerksabstimmungen sämtlicher SL-Typen bis hin zur Baureihe 107, die ihre Premiere 1971 erlebt, beteiligt. Außerdem ist er mitverantwortlich für alle damaligen Baureihen bis hin zur S-Klasse von 1972. Auf einen weiteren Kultwagen nimmt er ebenfalls großen Einfluss: den 230 SL, die wegen ihrer Dachform sogenannte Pagode. Nicht minder legendär ist sein nach ihm benannter Dienstwagen: ein Rennsportwagen-Prototyp auf Basis des 300 SLR, der als „Uhlenhaut-Coupé“ Bekanntheit erlangt.

Dabei besaß der Automobilspezialist, der 1972 in den wohlverdienten Ruhestand geht, zeit seines Lebens nie einen eigenen Pkw. Das ständige Fahren mit den Boliden sorgt indes dafür, dass er im Alter ein Hörgerät tragen muss.

Rudolf Uhlenhaut mit seinem Sohn Roger bei Probefahrten im 300 SLR auf der Monzabahn im August 1955.

Rudolf Uhlenhaut mit seinem Sohn Roger bei Probefahrten im 300 SLR auf der Monzabahn im August 1955.

„Für den Uhlenhaut gab man einfach alles.“

In Erinnerung bleiben neben Uhlenhauts genialem Wirken, das bis heute die Marke Mercedes-Benz nachhaltig prägt, die menschlichen Qualitäten dieser Ausnahmebegabung: Er verkehrt mit Mitarbeitern, ob in der Werkstatt oder im Büro, stets auf Augenhöhe. Seine Gelassenheit, Souveränität und unbestreitbare Kompetenz verschaffen ihm bei Vorgesetzten stets einen Status der Gleichwertigkeit. Als er am 8. Mai 1989 mit fast 83 Jahren stirbt, trauert man nicht nur in der Fachwelt, auch bei vielen seiner Mitarbeiter hinterlässt der ehemalige Direktor eine große Lücke. Besser als Dr. Hans Liebold, unter Uhlenhaut Projektleiter beim C 111-Projekt, kann man es nicht formulieren: „Für den Uhlenhaut gab man einfach immer alles. Einfach deshalb, weil man ihn nicht enttäuschen wollte. Der konnte und wusste ungeheuer viel, aber er behandelte einen nie von oben herunter, sondern immer fair als Partner.“

„Der Uhlenhaut, det war ’ne Wolke, der war 'ne einmalige Erscheinung.“
(Rennfahrer Manfred von Brauchitsch)

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