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Pop-Philosoph und Wort-Akrobat Jason Silva über ekstatische Filmerlebnisse und was ihn an Sprache so fasziniert.

Intelligente Explosionen:
Der Performance-Philosoph Jason Silva.

Pop-Philosoph und Wort-Akrobat Jason Silva über ekstatische
Filmerlebnisse und was ihn an Sprache so fasziniert.

Jason Silva ist ein venezolanisch-amerikanischer Fernsehstar, Filmemacher und Performance-Philosoph.

Shots of Awe.

„Ich nenne es Punk-Rock-Philosophie. Existenziellen Jazz. Überschwänglich, synkopisch, improvisiert, assoziativ – ein bisschen wie die Beat-Poeten.“ Jason Silva macht das Erklären mindestens so viel Spaß wie seine überschallschnelle Sprachakrobatik. Er schnappt sich all die fundamentalen Theorien und Konzepte, die an den Grenzen unserer

Vorstellungskraft kratzen – Unendlichkeit, Liebe, Verlust, Technik – und verpackt sie digital und filmisch in ästhetisch ansprechende, mundgerechte Häppchen. Das Ergebnis, „Shots of Awe“, versetzt mit unglaublichen 3-Minuten-Clips unsere Neuronen in Schwingungen.

Jason Silva wohnt in Los Angeles, California und New York City.

Ein wacher Geist.

Allein sein jüngstes Video, „Existential Bummer“, wurde in zwei Wochen mehr als zwei Millionen Mal aufgerufen. Unter anderem von Hollywood-Star Kevin Bacon, der kürzlich Jasons Twitter-Fangemeinde (58.000+ Mitglieder) beitrat. Bekannt machte ihn dabei vor allem seine Moderatorenrolle der TV-Serie „Brain Games“ (National Geographic). Doch all das ist erst der Anfang. Mit südamerikanischen Wurzeln und überschäumender Energie nimmt Jason jetzt die nächsten Ziele ins Visier. Wir trafen diesen wachen Geist an einem bitterkalten Sonntagnachmittag im New Yorker Hotel Americano, um herauszufinden, was ihn überhaupt noch beeindruckt und wie man sich im eigenen Kopf verlieren kann.

Silva erzielte den Abschluss in Film und Philosophie an der University of Miami in Coral Gables, Florida.

Transzendentale Ektase.

Deine Videos verwandeln philosophisches Gedankengut in ein überwältigendes visuelles Erlebnis. Wie bist du eigentlich dazu gekommen?
Ich bin ein totaler Filmfan. Das Kino war für mich schon immer ein Ort der transzendentalen Ektase. Da war dieser unbezwingbare Drang, mit der Ästhetik eins zu werden. Eine Art Sucht nach diesem ästhetischen Moment. Außerdem kann man über Filme subjektive Welten erschließen. Mein eigener Ansatz ist eher improvisatorisch – frei assoziierte, philosophische Beat-Dichtung. Aber eigentlich denke ich nur laut und schicke meine Gedanken dabei durch diverse Medien – mit visuellem Material, Schnitt und Musik – um anderen Einblick in meinen Kopf zu geben - und das macht mir einfach Spaß.

Bekannt wurde Jason Silva vor allem durch seine Moderatorenrolle der TV-Serie „Brain Games“ (National Geographic).

Vom Film zur Philosophie.

War es für dich ein logischer Schritt vom Film zur Philosophie?
Die großen, elementaren Ideen haben mich schon immer interessiert, also eine Dekonstruktion des Bestehenden und Geschehens. Außerdem bin ich ein großer Fan filmischer Auseinandersetzungen. Ich mag es, wenn ein Sprecher aus dem Off die Konzepte hinter dem Gesehenen erklärt. Ich liebe Filme mit philosophischem Überbau wie „Inception“, „Vanilla Sky“ oder „The Game – Das Geschenk seines Lebens“. Als Kind habe ich mit meinem Bruder dauernd kleine Musikvideos gemacht, und daraus hat sich später mein Hang zu Dokus entwickelt. Diese Videos habe ich dann später gern noch einmal Revue passieren lassen. Ich fand diese Begegnungen mit mir selbst äußerst spannend.

Irgendwann wollte ich diese aufschlussreichen Momente dann zu Musik schneiden. Ich wollte, dass andere genau dasselbe fühlen und erleben können wie ich.

Jason startete den Youtube Kanal "Shots of Awe" im Mai 2013.

Philosophische Espressos.

Du beschreibst deine „Shots of Awe“ gern als philosophische Espressos. Was genau steckt dahinter?
Meine philosophischen Espressos beschäftigen sich mit der parallelen und gemeinsamen Evolution von Mensch und Technik. Wie nutzen wir diese immer schneller fortschreitenden Technologien, um unseren Verstand zu erweitern? Wie setzen wir sie ein, um bessere Geschichten zu erzählen? Wie verändern sie Erzählstränge, wie beeinflussen oder verwandeln sie unsere Menschlichkeit? Wie Kierkegaard schon sagte – ich zitiere grob aus dem Gedächtnis: „Lass uns nicht über Macht und Reichtum sprechen, sondern lieber darüber, was wir für möglich halten.“ Genau das treibt mich an.

Jason Silva ist fasziniert von der parallelen und gemeinsamen Evolution von Mensch und Technik.
Alles ist vernetzt.

Wie schaffst du es überhaupt, dir all diese Zitate von Kierkegaard, Jung, Freud usw. zu merken? Hast du vielleicht ein fotografisches Gedächtnis?
Ich lese immer in Blöcken. Einige Bücher lese ich mehrfach und komme immer wieder auf sie zurück – sie sind irgendwie poetisch und lösen Assoziationen zu fünfzig anderen Sätzen aus. Während Mathematiker Gleichungen vor Augen haben, „sehe“ ich Sätze und Wörter, ein ganzes Netz von Zusammenhängen. Diese manische Geometrie assoziativen Denkens beschreibt mein Gehirn wahrscheinlich am besten. Alles ist vernetzt. Ideen sind Netzwerke.

Bereits über 23.000 Menschen haben seinen Youtube Kanal abonniert.

Technik als zweite Haut.

Inwieweit wird die Technik dabei eine Rolle spielen?
Eine wichtige! Technik ist unsere zweite Haut. Dieses Smartphone, z.B., aber auch Technologie an sich, ist Teil unseres Denkens geworden – es ist ein Gerüst, das unsere Gedanken erweitert. Unser Gehirn ist nicht nur das komplizierteste Objekt im gesamten Universum, sondern gleichzeitig auch klar beschränkt. Weil wir winzige Dinge nicht sehen können, erfinden wir das Mikroskop, und weil wir nicht besonders weit sehen können, kommt das Teleskop ins Spiel. Oder in den Worten meines Freundes Wes Anderson: „Wir bauen das Hubble-Teleskop, und plötzlich gibt es da diese Erweiterung unserer Netzhaut, die im All schwebt und uns über den Sehnerv unbeschränkten Zugriff auf die gesamte bisherige Zeit ermöglicht.“ Unser Verstand kann so viele, viele weitere Wellenlängen und Dimensionen erfassen, die bisher außerhalb unserer Reichweite lagen.

Silva beim "Tagträumen" mit dem iPhone.

Intelligente Explosionen.

Steuern wir also auf die sogenannte Singularität zu – ein Konzept, das du begeistert verfolgst?
Absolut. Überlegt einfach, wie viel Zeit wir bereits in unseren eigenen Köpfen verbringen. Wenn man am Computer sitzt, kann man schnell jegliches Zeitgefühl verlieren. Dann drehen sich unsere Gedanken im Kopf. Wenn man voll in etwas aufgeht – ob Social Media, Smartphone oder beim Surfen – bleibt man im eigenen Kopf. Auch bei einem Film oder Theaterstück wird man in Landschaften versetzt, die im eigenen Kopf entstehen. Menschen haben schon immer in Tagträumen geschwelgt, um das Hier und Jetzt hinter sich zu lassen. Wenn dann irgendwann klügere, künstliche Intelligenzen neue Möglichkeiten eröffnen, die wir uns jetzt noch nicht einmal vorstellen könnten, dann spricht man von intelligenten Explosionen.

Inspirationen holt sich Silva von großen Philosophen und Autoren.
Ich bin sehr umtriebig, produktiv und effizient.

Wer sind deine Lieblingsdenker?
Ich bin ein großer Fan von Ray Kurzweil, aber auch von Erik Davis, dem Autor von “TechGnosis”. Außerdem mag ich Janet H. Murray (“Hamlet on the Holodeck”), Richard Doyle (“Darwin’s Pharmacy”) und Kevin Kelly (“What Technology Wants”). Das wären meine Referenzen. Und natürlich Timothy Leary und Carl Sagan – meine Helden.

Wachst du morgens mit „ehrfurchtsvollen Gedanken“ auf?
Normalerweise wache ich auf, trinke meinen Kaffee und checke mein Smartphone, um zu schauen was heute anliegt.
Und ich bin sehr umtriebig, produktiv und effizient. Mir ist absolut bewusst, dass selbst die verrücktesten Gedankenspielereien absoluten Fokus erfordern, damit daraus auch etwas wird.


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